Botulinumtoxin im Gesicht kann depressive Symptome lindern
Eine Metaanalyse von acht randomisierten Studien mit 636 Teilnehmenden zeigt, dass Botulinumtoxin-Injektionen im Gesicht depressive Symptome ähnlich stark lindern wie das Antidepressivum Sertralin.
Depressive Erkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten Ursachen für Beeinträchtigungen der Lebensqualität und der Arbeitsfähigkeit. Die übliche medikamentöse Behandlung mit oralen Antidepressiva wirkt bei vielen Betroffenen zuverlässig, ist jedoch mit systemischen Nebenwirkungen verbunden und entfaltet ihre Wirkung häufig erst nach mehreren Wochen. Vor diesem Hintergrund untersuchte eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse, ob Injektionen von Botulinumtoxin A ins Gesicht, wie sie in der ästhetischen Medizin routinemäßig zur Behandlung mimischer Falten eingesetzt werden, auch depressive Symptome lindern können. Die Autorinnen und Autoren durchsuchten die Datenbanken PubMed, Embase, Cochrane CENTRAL, Web of Science und PsycINFO bis Dezember 2025 und schlossen acht randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 636 Teilnehmenden ein. Randomisierte kontrollierte Studien gelten als besonders aussagekräftig, weil Teilnehmende nach dem Zufallsprinzip einer Behandlungs- oder Vergleichsgruppe zugeteilt werden. Die Arbeit wurde vorab im Studienregister PROSPERO registriert, was die Nachvollziehbarkeit der Methodik erhöht.
Was die Metaanalyse zeigt
Im Vergleich zu Kontrollbedingungen, also Placebo-Injektionen oder keiner Behandlung, zeigte sich unter Botulinumtoxin A eine deutliche Reduktion depressiver Symptome. Der Effekt wurde als standardisierte Mittelwertsdifferenz von minus 0,81 angegeben, ein statistisches Maß dafür, wie stark sich zwei Gruppen im Mittel unterscheiden. In der Untergruppenanalyse fiel der Unterschied zu Placebo mit minus 1,04 besonders deutlich aus. Im direkten Vergleich mit dem Antidepressivum Sertralin, einem häufig verschriebenen Medikament aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, fiel der Unterschied mit minus 0,23 gering aus. Die Wirkung von Botulinumtoxin A auf depressive Symptome war in den eingeschlossenen Studien also mit jener von Sertralin vergleichbar.
Unterschiede je nach Injektionsschema
Interessant ist ein Detail der Untergruppenanalyse: Nur das klassische, auf die Glabella, also die Zornesfaltenregion zwischen den Augenbrauen, beschränkte Injektionsschema zeigte einen statistisch signifikanten antidepressiven Effekt. Ein Schema mit höherer Dosis und Injektionen über das gesamte Gesicht verteilt erreichte im Vergleich zur Kontrollgruppe dagegen keinen signifikanten Unterschied. Das deutet darauf hin, dass nicht allein die Menge des injizierten Botulinumtoxins entscheidend sein dürfte, sondern möglicherweise auch die behandelte Region.
Bei den Angstsymptomen fand sich in der Auswertung kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen, der beobachtete Effekt beschränkte sich also auf depressive Symptome und nicht auf angstbezogene Beschwerden. Zur Sicherheit der Behandlung geben die eingeschlossenen Studien Entwarnung: Die Gesamtrate an unerwünschten Ereignissen war mit einem relativen Risiko von 1,04 vergleichbar mit jener der Kontrollgruppen. Unter Botulinumtoxin A traten vorübergehende lokale Reaktionen an der Injektionsstelle auf, wie sie von kosmetischen Anwendungen bekannt sind. Die systemischen Nebenwirkungen, die bei der Einnahme von Sertralin auftreten können, wurden bei der lokalen Injektionsbehandlung naturgemäß nicht beobachtet.
Einordnung
Die Ergebnisse basieren auf einer Metaanalyse von acht Studien mit zusammen 636 Teilnehmenden. Das ist für eine Metaanalyse eine überschaubare Zahl an Einzelstudien, auch wenn diese jeweils randomisiert und kontrolliert waren und damit methodisch zu den aussagekräftigeren Studientypen zählen. Die Autorinnen und Autoren ordnen ihre Arbeit selbst als Hinweis auf eine mögliche nicht-systemische Behandlungsoption ein, die insbesondere für Personen mit Unverträglichkeit gegenüber oralen Antidepressiva oder bei Mehrfachmedikation von Interesse sein könnte.
Ein weiterer Punkt, den die Autorinnen und Autoren hervorheben, ist die Vielfalt der eingeschlossenen Studien: Die acht randomisierten kontrollierten Studien unterschieden sich unter anderem in der verwendeten Dosis, der Zahl der Injektionsstellen und der Dauer der Nachbeobachtung. Solche Unterschiede zwischen Einzelstudien, in der Fachsprache Heterogenität genannt, können dazu führen, dass der in der Metaanalyse errechnete Gesamteffekt die Wirkung einzelner Behandlungsschemata nur unvollständig abbildet. Auch die Frage, ob sich die beobachteten Effekte bei Personen mit einer klinisch diagnostizierten depressiven Erkrankung genauso zeigen wie bei Personen mit leichteren depressiven Verstimmungen, lässt sich aus der vorliegenden Auswertung nicht eindeutig beantworten, da die eingeschlossenen Studien unterschiedliche Patientengruppen untersuchten. Größere, direkt vergleichende Studien mit einheitlichem Injektionsschema und längerer Nachbeobachtungszeit wären notwendig, um die beobachteten Effekte zu bestätigen und besser zu verstehen, bei welchen Personen und unter welchen Voraussetzungen sie am stärksten auftreten.
Wie belastbar dieser Zusammenhang langfristig ist und über welchen Mechanismus die beobachtete Wirkung zustande kommt, lässt sich aus der vorliegenden Metaanalyse allein nicht abschließend beantworten. Für die Praxis bedeutet das: Die Datenlage liefert einen belastbaren, aber noch begrenzten Hinweis darauf, dass Botulinumtoxin-Injektionen im Gesicht über die rein kosmetische Wirkung hinaus einen messbaren Effekt auf die Stimmung haben können. Als Ersatz für eine fundierte psychiatrische Abklärung und Behandlung depressiver Erkrankungen lässt sich daraus jedoch nichts ableiten, zumal die Zahl der bislang vorliegenden Studien und der insgesamt untersuchten Teilnehmenden begrenzt bleibt und weitere, größer angelegte Untersuchungen noch ausstehen.
Verwendete Fachpublikationen
Grundlage dieses Beitrags sind die folgende Publikation (Originalsprachen: Englisch).
Hinweis: Dieser Beitrag fasst veröffentlichte Studienergebnisse zusammen und dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung. Ob und wie Erkenntnisse aus Studien auf Ihre persönliche Situation zutreffen, lässt sich nur im individuellen Gespräch klären.
