11Die erste Regel: den individuellen Wundplan kennen
Vor der Entlassung sollte klar sein, welcher Verband getragen wird, wann er gewechselt werden darf, ob und ab wann die Stelle nass werden darf, welche Belastungen erlaubt sind, wann eine Kontrolle stattfindet und unter welcher Nummer das Team bei Problemen erreichbar ist. Diese Angaben können je nach Operation deutlich voneinander abweichen. Ein selbstauflösender Faden, ein Hautkleber, Klammern, ein Hauttransplantat und eine lange unter Spannung stehende Naht haben keine identische Nachsorge. Wenn die schriftlichen Anweisungen unklar sind oder ein Verband durchnässt, verrutscht oder die Haut reizt, ist Rücksprache sinnvoller als ein improvisierter Produktwechsel. Guy's and St Thomas', CDC
12Sauber halten, ohne die Wunde zu traktieren
Wer einen Verband oder eine Wunde versorgt, wäscht vorher und nachher die Hände. Angehörige sollten nicht aus Neugier die Operationsstelle berühren. An Krusten zu ziehen, eine Naht selbst zu öffnen oder immer wieder zu „prüfen“, ob sie schon hält, stört den Schutz der frischen Wunde. Für kleine, unkomplizierte Verletzungen empfiehlt die American Academy of Dermatology sanfte Reinigung, Feuchthalten mit Vaseline und Abdeckung; bei einer operativen Inzision gelten die individuellen ärztlichen Anweisungen, besonders wenn ein Spezialverband, Hautkleber, Drainagen oder ein Transplantat verwendet wurden. Eine pauschale Anweisung „jede OP-Wunde täglich mit Vaseline einreiben“ wäre falsch. AAD: Wundpflege, CDC
Auch „trocken halten“ und „feucht halten“ werden oft missverstanden. Moderne Wundversorgung versucht, für die jeweilige Wunde ein geeignetes Milieu zu schaffen. Daraus folgt weder, dass eine Operationswunde in Wasser eingeweicht werden soll, noch dass sie ohne Rücksicht auf den Verband austrocknen muss. Duschen, Baden, Schwimmen und Sauna müssen getrennt betrachtet werden. Die Freigabe richtet sich nach Wundverschluss und Operationsart, nicht nach einem allgemeinen Kalendertag. Guy's and St Thomas'
13Infektion und Wundöffnung früh erkennen
Rötung direkt an einer frischen Wunde kann zunächst normal sein. Eine sich ausbreitende Rötung, zunehmende Wärme, neu stärkerer Schmerz, trübes oder eitriges Sekret, Fieber oder eine sich öffnende Naht brauchen Kontakt zum Operationsteam. Eine plötzlich stark anschwellende Operationsregion oder frische stärkere Blutung verdient ebenfalls rasche Abklärung. Wer nicht weiß, ob ein Symptom dringlich ist, sollte anrufen und den Verlauf konkret schildern: seit wann, Veränderung gegenüber gestern, Fieber, Schmerz, Flüssigkeit und gegebenenfalls Foto nach den Vorgaben der Praxis. Keine antibiotische Salbe oder Tablette sollte eigenständig als Ersatz für diese Beurteilung verwendet werden. CDC, NHS
14Schonung bedeutet nicht völlige Bewegungslosigkeit
Ein häufiger Fehler ist, jedes Ziehen mit strikter Bettruhe zu beantworten; ein anderer, zu früh wieder Gewichte zu heben oder die Naht zu dehnen. Ob Gehen, Armheben, Bauchmuskelbelastung oder Sport sinnvoll und erlaubt sind, hängt von Eingriff und Operationsgebiet ab. Für eine Bauchwunde, Handoperation und Lidstraffung gelten andere Grenzen. Die verantwortliche Ärztin oder der verantwortliche Arzt kann erklären, welche Bewegungen die Wunde schützen und welche Beweglichkeit erhalten. Das Ziel ist eine sichere Heilung, nicht ein starrer, für alle Personen identischer Schonplan.
15Was vor einer weiteren geplanten Operation besprochen werden sollte
Bei bekannter Keloidneigung, problematischer Heilung früherer Wunden oder starker Pigmentierung nach Entzündungen ist die Vorgeschichte Bestandteil der Operationsplanung. Zeigen Sie nach Möglichkeit ältere Narben. Fragen Sie, wo ein Schnitt voraussichtlich verlaufen wird, ob sich Spannung reduzieren lässt und wie eine auffällige neue Narbe kontrolliert würde. Bei rein freiwilligen Hautverletzungen wie Piercings kann für Menschen mit ausgeprägter Keloidneigung auch der Verzicht die wirksamste Vorbeugung sein. Eine medizinisch notwendige Operation ist anders abzuwägen. AAFP
16Was Vorbereitung leisten kann und wo die Grenzen liegen
Bei einem planbaren Eingriff kann das Team Faktoren ansprechen, die für eine Wundstörung relevant sind: Tabakkonsum, Ernährungsprobleme, Diabetesbehandlung, belastende Medikamente und die Versorgung der Haut im Operationsgebiet. Das ist eine individuelle ärztliche Vorbereitung und keine Einladung, Medikamente eigenständig abzusetzen. Nicht jede Person profitiert von denselben Tests oder Ergänzungsmitteln. Eine unauffällige Blutuntersuchung garantiert ebenso wenig eine schmale Narbe wie ein Multivitaminpräparat eine schlechte Operationstechnik kompensiert. Die Vorbeugung betrifft die ganze Kette aus Planung, Operation, Wundversorgung und Beobachtung. CDC
Viele Menschen fragen bereits vor dem Eingriff nach der „besten Naht“. Ob ein Schnitt entlang günstiger Hautlinien gelegt werden kann, wie er in tieferen Schichten verschlossen wird und welcher äußere Verschluss verwendet wird, hängt vom medizinischen Ziel und der vorhandenen Anatomie ab. Eine bestimmte Fadenmarke ist kein allgemeines Qualitätssiegel. Wichtig ist, dass Hautränder möglichst spannungsarm aneinanderliegen und die Gewebedurchblutung erhalten bleibt. Auch bei sorgfältiger Technik können Genetik, mechanischer Zug und postoperative Ereignisse das Aussehen verändern. Das Vorgespräch sollte vor allem klären, wo die wahrscheinliche Narbe liegen wird und welcher Verlauf in dieser Region zu erwarten ist.
Eine bestehende Keloidneigung kann die Entscheidung über einen rein ästhetischen Eingriff beeinflussen. Wer bereits nach Ohrpiercing, Akne oder kleineren Eingriffen überschießende Narben entwickelt hat, sollte nach einem konkreten Nachsorge- und Kontrollplan fragen: Wann wird die Wunde kontrolliert? Welche Veränderungen gelten als früh verdächtig? Welche Möglichkeiten sind an genau dieser Stelle sinnvoll? Das Ziel ist eine informierte Abwägung, kein generelles Operationsverbot für Menschen mit Keloiden. AAFP
Wo stehen Sie gerade?
Fünf typische Situationen – was als Nächstes zu tun ist und was Sie vorerst vermeiden sollten. Aus der Entscheidungshilfe im Kapitel „Häufige Fragen“.
Situation
Frische, noch offene oder nässende Operationswunde
Tun Sie als Nächstes
Schriftliche Wundanweisung befolgen; bei Verschlechterung das Team kontaktieren
Was Sie vorerst vermeiden sollten
Eigenmächtige Narbenmassage, gewöhnliches Silikongel auf offene Stellen, Peeling oder Laser
Situation
Geschlossene, junge, unauffällige Narbe
Tun Sie als Nächstes
Schutz, geeignete Pflege und Kontrollen; bei Bedarf Silikon nach Empfehlung
Was Sie vorerst vermeiden sollten
Die ersten Wochen als Endergebnis bewerten oder mehrere reizende Produkte gleichzeitig testen
Situation
Geschlossene Narbe wird zunehmend hoch, juckend oder schmerzhaft
Tun Sie als Nächstes
Narbentyp und Verlauf fachlich beurteilen lassen
Was Sie vorerst vermeiden sollten
Eine wachsende Veränderung monatelang allein mit Creme behandeln
Situation
Alte Narbe stört optisch
Tun Sie als Nächstes
Behandlungsziel Farbe, Höhe, Breite oder Tiefe konkretisieren; Verfahren danach auswählen
Was Sie vorerst vermeiden sollten
Eine vollständige Entfernung erwarten
Situation
Narbe begrenzt Bewegung oder schmerzt neu
Tun Sie als Nächstes
Funktion und mögliche andere Ursachen ärztlich prüfen
Was Sie vorerst vermeiden sollten
Nur eine kosmetische Behandlung planen, bevor die Ursache geklärt ist
Warnzeichen an der frischen Wunde
Zutreffendes antippen. Die Hinweise ersetzen keine ärztliche Beurteilung.
Noch nichts ausgewählt – sobald Sie unten ein Zeichen antippen, erscheint hier, was zu tun ist.
Das gehört sofort ärztlich abgeklärt.
Diese Zeichen brauchen Kontakt zum Operationsteam. Bei Atemnot, Brustschmerz, Ohnmacht oder ähnlich schweren Symptomen den Rettungsdienst verständigen; in Österreich 144, europaweit 112.
Keine antibiotische Salbe oder Tablette sollte eigenständig als Ersatz für diese Beurteilung verwendet werden.
Komplikationen im Detail →